»Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne.«

Jean Paul

Am Rande wohnen die Wilden

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Am Rande wohnen die Wilden

Im Herzen der Galaxis lebt das hochentwickelte Volk der Mornen. Zwei bewohnte Planeten umkreisen eine kleine und kühle Sonne. Schon vor Jahrtausenden formten die Mornen die Oberfläche dieser Welten nach ihren Vorstellungen um. Tiere und Pflanzen wurden als unberechenbare Faktoren aus ihrem Dasein verbannt.

Statt Wiesen und Wäldern überzieht ein glatter Kunststoff die Landschaft. Flüssen und Bachläufen wurde jede Wildheit ausgetrieben. Riesige unterirdische Anlagen erneuern die Atemluft und aus tiefen Schächte strömt Sauerstoff. Bizarre Kristallkaskaden ersetzen die Wunder der Natur. Jeder Versuch der Ausbreitung des noch durch Samen und Sporen vorhandenen pflanzlichen Lebens wird im Keim erstickt und vernichtet.

Die Mornen sind überzeugt davon, dass nur in einer künstlichen Umwelt, ohne natürliche Einflüsse, eine optimale Entwicklung des vernunftbegabten Lebens möglich ist. Die Wesen leben in einer scheinbar perfekten Gesellschaft, die von dem Tentakel, einem zentralen Steuergehirn, geleitet wird. Zwischen allen Mornen besteht die Möglichkeit der Gedankenverbindung. Sie haben eine hohe Lebenserwartung und mit Hilfe ihrer hochentwickelten Raumfahrttechnik sind sie schon bis zu den Grenzen der Galaxis vorgestoßen.

Da kehren eines Tages Fernsonden vom Rand der Galaxis zurück und bringen unglaubliche Kunde. Am Rande eines Spiralarms der Milchstraße existiert ein kleiner blauer Planet, der um einen eine gelbe, überheiße Sonne kreist. Auf ihm lebt eine hochentwickelte Spezies. Jene unzweifelhaft intelligenten Bewohner leben, für die Mornen unbegreiflicherweise, zusammen mit riesigen Tier- und Pflanzenherden in friedlicher Koexistenz auf dieser Welt. Eine mornische Expedition macht sich auf die lange Reise zu dem fernen Planeten.

Zur gleichen Zeit macht der junge Boxer Rod Mahoney Karriere und steht vor einem Entscheidungskampf um die Regionalmeisterschaft. Die ständigen Nörgeleien und fragwürdigen Methoden seines Managers und Trainers haben ihm jedoch jede Lust an weiteren Kämpfen genommen. Und so nutzt er die Gelegenheit, das Trainingszentrum heimlich zu verlassen und sich abzusetzen. Sein Manager lässt ihn daraufhin von der Polizei suchen und festnehmen.

Mornen beobachten menschliche Tätigkeiten
Mornen beobachten menschliche Tätigkeiten

Das Raumschiff der Mornen erreicht die Umgebung der Erde und versetzt die Raumüberwachung Erde in Angst und Schrecken. Denn der riesige Flugkörper befindet sich eine Zeit lang auf direktem Kollisionskurs zur Erde, um dann später, vor den Augen der Menschen verborgen, auf dem Mond zu landen. Die Mornen beobachten das Leben der Menschen aus der Ferne, entschlüsseln zwar deren Sprachen, viele irdische Aktivitäten bleiben den Fremden jedoch vollkommen unverständlich.

Eine Landefähre wird losgeschickt und erleidet beim Navigieren in der irdischen Atmosphäre einen Unfall, bei dem die gesamte Kommunikationstechnik ausfällt. Die Fremden landen unangekündigt in Nordamerika nahe eines Sees. Die überraschende Landung führt zu Missverständnissen. Lokale Polizeikräfte nähern sich auf Booten dem außerirdischen Shuttle und werden durch ein starkes Kraftfeld abgedrängt. Dabei geht ein Mitarbeiter über Bord.

Rod Mahoney, der sich zufällig vor Ort aufhält, springt dem Mann hinterher. Beide werden von den Mornen aus dem Wasser gezogen. Es kommt zu einem ersten Kontakt zwischen Mornen und Menschen. In vielen Bereichen klappt es mit der Verständigung recht gut, auf anderen Gebieten dagegen gelingt es kaum, einen Konsens zu finden. So brauchen die Mornen sehr lange für die Erkenntnis, dass die Menschen trotz ihrer naturverbundenen Lebensweise keine Spezies auf niedrigem Evolutionsgrad sind.

Die Mornen nehmen an vielen menschlichen Aktivitäten teil und besuchen sogar Rod Mahoneys Meisterschaftskampf. Natürlich sind sie über die Brutalität und die, in ihren Augen sinnlose »Prügelei«, schockiert. Einige Mornen bewundern jedoch auch die Kraft und Vitalität der Menschen.

Der mornische Kommandant Faunian kann trotz allem nicht begreifen, wie die Menschen freiwillig unter natürlichen Bedingungen leben können. Er sieht die biologische Umwelt als Feind an, der das intelligente Leben bedroht. Da kommt es bei einer Expedition im vietnamesischen Dschungel zur Katastrophe. Ein Baum fällt auf das Fahrzeug der Mornen.

Faunian und zwei seiner Gefährten werden verletzt und ihre Schutzanzüge zerstört. Ihre Körper sind der mit Bakterien und anderen Krankheitserregern gesättigten Luft ausgesetzt. Sie sind dem Tode geweiht. Menschliche und mornische Ärzte kämpfen um das Leben der Verletzten. Ein letzter Versuch bringt die Rettung. Aus menschlichem Blut wird ein Serum entwickelt. Das lässt die Kranken gesund werden und verleiht ihnen natürliche Abwehrkräfte gegen irdische Krankheitserreger.

Der Preis dafür jedoch ist hoch. Faunian und seine beiden Gefährten können nie wieder in ihre Heimat zurück. Ohne Schutzanzug können sie nur noch auf der Erde leben. Alle drei beschließen, zu bleiben. Cosita, Faunians Frau, und der Arzt Kont bleiben ebenfalls auf der Erde und werden sich immunisieren lassen. Faunian begreift, dass die Welten von Menschen und Mornen bei aller Verschiedenheit vielleicht doch irgendwann zu einer großen Gemeinschaft werden können…

Hintergrund

Das Buch »Am Rande wohnen die Wilden« erschien erstmals 1976 im Verlag Neues Leben Berlin in der Reihe »Spannend erzählt«. Im gleichen Jahr gab es eine Veröffentlichung im Weltkreis-Verlag Dortmund, 1978 im »buchclub 65« und im Jahr 2000 im BS-Verlag Rostock.

Persönliche Wertung

Klaus Frühaufs Buch über den Besuch der Mornen auf unserer Erde ist ein flüssig zu lesender, spannender Roman mit Bezug zum hochaktuellen Thema Umweltschutz. Im Gegensatz zu unserer Zivilisation haben die Menschen in der beschriebenen Zukunft nicht nur die Wichtigkeit eines ökologischen Lebensstils erkannt, sondern sogar schon erste Schritte in diese Richtung unternommen.

Am Beispiel der Mornen beschreibt der Autor überzeugend, welche Folgen ein Abwenden bzw. Bekämpfen der Natur haben würde. Die Außerirdischen befinden sich nach ihrer Jahrtausende dauernden Entwicklung im Zustand der Stagnation. Immer aufwändigere genetische Prüfungen und Korrekturen genetischer Schäden sind für eine gesunde Reproduktion der Bevölkerung der Morn nötig.

Bewegungsarmut, die Unterbelastung gewisser Extremitäten und bestimmter Bereiche des Gehirns drohen sich in mutativen, meist degenerativen Veränderungen niederzuschlagen.

Der Kontakt mit den Menschen wird den Mornen möglicherweise helfen, ihre Stagnation zu überwinden. Der Autor beschreibt einen Mittelweg zwischen einem Leben in einer zum Teil künstlichen und natürlichen Umwelt. Nur so kann das Erbe der Natur bewahrt werden, ohne dass dabei auf die Fortschritte der Technik verzichtet werden muss.

Rod und Tekla
Rod und Tekla

Zwei Situationen des Romans haben mir besonders gefallen. Die erste beschreibt die Begegnung zwischen Menschen und Mornen. Rod und Tekla stehen sich gegenüber, nur getrennt durch eine dünne Schutzwand. Beide betrachten einander und begreifen den jeweils anderen als denkendes und fühlendes Wesen. Sie erkennen trotz des ungewohnten Aussehens die Schönheit des Gegenüber. Eine einfache Geste schafft eine Verbindung zwischen beiden und bewirkt mehr als jeder Austausch von Information.

Zum zweiten habe ich noch nie einen so spannenden Boxkampf in einem Science-Fiction-Roman verfolgen können. Das Verhalten des Gegners, Rods Empfindungen und Kampf werden in dieser Sequenz für mein Empfinden sehr realistisch und detailliert dargestellt.

Die Vielfalt der Handlungsorte (Morn, der Mond, der Regenwald, …), viele ungewöhnliche und überraschende Situationen und sympathische Charaktere machen den Roman zu einem empfehlenswerten Buch, das Unterhaltung für einige vergnügliche Stunden verspricht.

Zum Buch

Titel:Am Rande wohnen die Wilden
Autor:Klaus Frühauf
Verlag:Verlag Neues Leben Berlin 1976
Seitenzahl:344
Ausgabe:Kartoniert (fester Einband), Band 131 »Spannend Erzählt«

Quellen

[1] Am Rande wohnen die Wilden – Verlag Neues Leben Berlin 1976

[2] Die Science-fiction der DDR – Autoren und Werke, Verlag Das Neue Berlin 1988 – herausgegeben von Erik Simon und Olaf R. Spittel

Das Buchcover ist eine Grafik von Werner Ruhner, die Fotos eigene Aufnahmen von Seiten der obigen Buchausgabe.