»Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne.«

Jean Paul

Die Kallistoaner (Каллистяне)

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Die Kallistoaner
Die Kallistoaner

Pjotr Schirokow und Georgi Sinjajew fliegen an Bord der kallistoanischen Weltraumkugel in Richtung des Sterns Relos (Sirius). Sie haben starkes Heimweh und versuchen sich abzulenken. Schirokow übersetzt irdische Bücher in die Sprache der Kallistoaner. Sinjajew verbringt viel Zeit an den astronomischen Geräten und beobachtet den Sternenhimmel.

Im Schiff herrscht eine freundliche und herzliche Atmosphäre. Die Kallistoaner behandeln ihre irdischen Gäste rücksichtsvoll und unterstützen sie bei jeder Gelegenheit.

Das Raumschiff beschleunigt ununterbrochen und seine Geschwindigkeit erhöht sich dadurch fortwährend. Inzwischen machen sich relativistische Effekte bemerkbar. Die Masse aller Gegenstände im Raumschiff wächst beständig und während auf der Erde elf Jahre vergehen, sind es im Kugelraumschiff nur drei.

Nach der Beschleunigungsphase erleben die Erdbewohner erstmals die Schwerelosigkeit. Pjotr erfährt die Tücken der fehlenden Schwerkraft auf besondere Weise, seine Sachen »laufen vor ihm weg«. Die Kallistoaner helfen den Erdlingen, sich an die ungewohnten Bedingungen zu gewöhnen.

Dann wird das Raumschiff von einem Mikrometeoriten getroffen. Sinjajew und Schirokow unternehmen einen Weltraumspaziergang.

Endlich erreicht die Expedition das Relos-Sonnensystem. Die Heimkehrer empfangen einen Hilferuf aus Richtung des Planeten Ketito. Eine kleine Forschergruppe ist auf dieser erdähnlichen Welt gelandet und hat ihr Raumschiff durch eine Explosion verloren. Die Überlebenden werden von riesigen Raubtieren angegriffen. Zwei von ihnen sind schwer verletzt und haben nur noch kurze Zeit zu leben.

Diegon und seine Besatzung landen auf Ketito und kommt den Forschern zu Hilfe. Unter den Geretteten befindet sich überraschenderweise Diegons Enkelin Dienyi.

Die Raumfahrt der Kallistoaner muss in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung genommen haben. Denn an Ketitos Himmel erscheint ein ungewöhnlich geformter Flugkörper und setzt zur Landung an.

Schirokow und Sinjajew fühlen sich auf Ketito wohl, da auf ihm ähnliche Bedingungen wie auf der Erde herrschen. Die Kallistoaner dagegen befürchten, dass die hohen Temperaturen und die starke Relos-Strahlung auf Kallisto für die beiden Erdbewohner zum Problem werden könnten. Sie schlagen deshalb vor, erst einmal auf Ketito zu bleiben und später Ketio anzufliegen. Vielleicht können sich die Erdlinge so leichter an die Strahlung der Sonne gewöhnen.

Einige Zeit später geht es nach Ketio. Auf dieser Welt leben Wesen, die den Kallistoanern sehr ähnlich sind, jedoch auf einer viel niedrigeren Entwicklungsstufe stehen. Die Strahlung von Relos ist hier intensiver, die Temperaturen sind höher. Schirokow und Sinjajew haben Probleme, sich an die Lebensbedingungen anzupassen. Der Aufenthalt dauert länger als geplant. Sie nutzen die Zeit, um das Leben der wilden Ureinwohner von Ketio zu beobachten. Dabei kommt es zu einem Unfall, bei dem Pjotr schwer verletzt wird.

Schließlich geht es doch weiter und das Raumschiff fliegt den Planeten Kallisto an. Insgesamt drei Jahre wollen die irdischen Raumfahrer hier verbringen. Wegen des starken Relos-Lichts müssen sie dunkle Brillen tragen und ihr Gesundheitszustand wird überwacht. Die kallistoanische Ärzte haben Bedenken und halten ihre Ankunft für verfrüht.

Die Menschen der Erde werden herzlich empfangen. Ihre Gastgeber kümmern sich in jeder Hinsicht um ihr Wohlbefinden. Die fremdartige Umgebung und die ungewohnten Lebensbedingungen sind für die beiden gleichzeitig verwirrend und faszinierend.

Schirokow und Sinjajew bewohnen ein Haus in der Stadt Atilli. Die Größe und Inneneinrichtung sind beeindruckend. Beide meistern die Tücken der modernen Haushaltstechnik. Die meiste Zeit halten sie sich auf Anraten der Ärzte im Inneren ihres Hauses auf.

Pjotr und Georgi erhalten ein eigens für sie hergestelltes Transportfahrzeug, ein sogenanntes »Otili«. In ihm sind sie vor Relos‘ Strahlen sicher und können jetzt Freunde und Bekannte besuchen. So lernen sie verschiedene Aspekte des Lebens auf Kallisto kennen. Sie erfahren etwas über die zentrale Verwaltung von Tätigkeiten, den Aufbau der Gesellschaft und den demokratischen Entscheidungsprozess.

Während des Besuchs eines Sportwettkampfes unter freiem Himmel erleidet Schirokow einen dramatischen Schwächeanfall. Die anschließende medizinische Untersuchung liefert eine niederschmetternde Diagnose: Beide irdischen Raumfahrer sind durch die starke Relos-Strahlung ernsthaft erkrankt. Die Ärzte verbieten jeden weiteren Aufenthalt im Freien. Deshalb erkunden Pjotr und Georgi den Planeten mit Hilfe moderner Telekommunikationstechnik.

Währenddessen arbeiten die kallistoanische Wissenschaftler an einem Projekt zum Aufbau einer schnellen Funk-Verbindung zwischen Kallisto und Erde. Eine besondere Teilchenstrahlung -sogenannte Tesi-Strahlen – könnten eine überlichtschnelle Datenübertragung ermöglichen. Der Erde werden mit Hilfe dieser Strahlen technische Pläne für den Bau einer Sendestation übermittelt.

Alle Bemühungen der kallistoanischen Ärzte erweisen sich als erfolglos. Die irdischen Raumfahrer leiden weiter unter Relos‘ Strahlung und müssen deshalb Kallisto verlassen. Einzig auf dem Planeten Ketito herrschen geeignete Bedingungen, damit sich ihre Gesundheit stabilisiert. Richtig gesund können sie jedoch nur auf der Erde werden.

Die Situation frustriert Schirokow und Sinjajew sehr. Besonders Pjotr ist verzweifelt. Eine Heimkehr würde auch eine endgültige Trennung von Dienyi bedeuten. Insgeheim liebt er das Mädchen.

In diesem Moment erreicht Kallisto die Antwort der Erde. Den Menschen ist es gelungen, die gesendeten Pläne umzusetzen und eine entsprechende Tesi- Anlage zu bauen. Pjotr und Georgi bekommen Nachrichten von Zuhause.

Der Bau eines neuen interstellaren Schiffes wird beendet. Schirokow und Sinjajew können zur Erde zurückfliegen. Pjotr ist trotzdem glücklich, denn er fliegt nicht allein. Ihn begleitet die Frau, die er von ganzem Herzen liebt, seine Dienyi…

Hintergrund

Der Roman »Каллистяне« (»Die Kallistoaner«) erschien erstmals 1960 im Verlag »Детгиз« in russischer Sprache. Mit ihm wird die Handlung aus »Каллисто« (1957) fortgesetzt.

Spätere Ausgaben mussten meist auf die beindruckenden Illustrationen des Grafikers Rubinstein verzichten.

Eine deutsche Übersetzung des Buches gibt es nicht. Deshalb bin ich im ersten Teil meiner Buchvorstellung etwas detaillierter auf den Inhalt des Werkes eingegangen.

Persönliche Wertung

Das Buch gefällt mir sehr und auch in der maschinellen Übersetzung durch deepl.com hat es mich wunderbar unterhalten.

Die Liebesgeschichte zwischen Pjotr und Dienyi ist zwar knapp beschrieben, dafür aber sehr schön und anrührend. Sie ist auch nachvollziehbar – da die Kallistoaner den Menschen so ähnlich sind, können sie auch entsprechende Gefühle hervorrufen.  

Als ich die Fortsetzung von »Kallisto« las, hatte ich das Gefühl, dass der Autor aus unserer Zeit stammt und nicht aus den fernen 50er Jahren. Er beschreibt Dinge, die für uns inzwischen alltäglich sind (Flüge ins All, Videokommunikation, ein verbindendes Datennetz umspannt die ganze Welt, …). Er schildert diese Dinge so glaubhaft, als würde er sie aus eigenem Erleben kennen. Dem Autor gelingt es erstaunlich gut seine phantastischen Ideen mit einer unterhaltsamen Handlung zu verbinden. Ich denke, dies begründet wohl auch seine große Beliebtheit bei vielen Lesern.

Leben auf Kallisto
Leben auf Kallisto

Natürlich ist die Gesellschaft auf Kallisto eine reine Utopie. Ich denke, Martynow ging es auch mehr um die Schilderung eines Traums, einer Wunschvorstellung, und nicht um eine konkrete Beschreibung. Er traf damit den Zeitgeist der 1950er und 1960er Jahre in der Sowjetunion. Nach dem überstandenen 2. Weltkrieg und der Überwindung seiner Folgen hofften viele Menschen auf eine bessere Zukunft.

Die Gesellschaft der Kallistoaner wirkte auf viele Leser sehr attraktiv. Kinder und Jugendliche nahmen den Roman überaus positiv auf. Sie verfassten Bücher und Geschichten über die Welt Kallisto.

Denn die Menschen dort kennen keine ökonomischen Zwänge und führen ein harmonisches Leben. Sie scheinen in jeder Hinsicht frei zu sein. Frei, sich für ihren Wohnort zu entscheiden und welcher Arbeit sie nachgehen. Über Gesetze und Projekte wird öffentlich diskutiert, Beschlüsse werden demokratisch gefasst. Interessant ist außerdem, dass die Gründung einer Familie in den Händen der Frau liegt!

Arbeiten und Verpflichtungen nachzugehen ist den Kallistoanern ein Bedürfnis. Viele Bereiche des Lebens sind automatisiert. Körperliche Tätigkeiten werden gern angenommen, besonders im landwirtschaftlichen Bereich.  Bestimmte zusätzliche Aufgaben, die im Datennetz explizit angeboten werden, sind sogar sehr begehrt und werden gern übernommen.

Als Leser von heute beschäftigt mich natürlich die Frage, wie es wäre, in einer solchen Gesellschaft zu leben. Schirokow und Sinjajew fühlen sich in Gegenwart ihrer Freunde und Bekannten meistens wohl. In manchen Situationen sind sie jedoch auch verwirrt und sogar genervt. Ihre Einstellung kollidiert recht häufig mit der ihrer Gastgeber. Das selbstlose, rücksichtsvolle und freundliche Handeln der Kallistoaner erscheint ihnen manchmal unbegreiflich und unecht.

Interessant ist das Leben in einer solch idealen Gesellschaft in jeder Hinsicht. Leider erzählt man uns seit vielen Jahren, dass die Natur des Menschen der Schaffung einer solchen entgegensteht. Ich glaube, unser Besitzdenken und Egoismus stehen dem am meisten im Weg. In einer Welt, in der man nichts besitzen muss, weil alles allen gehört, ist persönlicher Besitz überflüssig. Die Freiheit von unnützem Besitz hat vermutlich großen Einfluss auf viele Bereiche des Lebens und damit auch auf die Beziehungen zwischen den Menschen.

Komisch und irgendwie störend fand ich eine Episode des Romans. Als die Verbindung zwischen Kallisto und Erde hergestellt ist, erhalten die beiden Raumfahrer von zu Hause die Anweisung, unbedingt auf den Rat ihrer Ärzte zu hören. Sinjajew ist darüber sehr aufgebracht: »Wer ist er denn, … dass er uns herumkommandiert?«. Worauf Schirokow nur sagt: »Das ist ein Befehl der Partei!«. Wer um die Zwänge der Zensur in damaliger Zeit weiß, kann sich vorstellen, wie das wohl in den Text gelangt sein muss.

Der interessante und faszinierende Versuch des Autors, den Charakter von Menschen zu beschreiben, die in einer kommunistischen Gesellschaft leben, hat mich zum Nachdenken angeregt. Ich halte den Roman für überaus empfehlenswert.

Zum Buch

Russischer Originaltitel:Каллистяне (Die Kallistoaner)
Autor:Georgi Martynow
Verlag:Детгиз, Leningrad 1960
Seitenzahl:286
Ausgabe:Hardcover

Quellen

[1] Каллистяне – Georgi Martynow, Детгиз, Leningrad 1960

[2] Das Buchcover und das Bild des Vorsatzes von Лев Яковлевич Рубинштейн stammt aus dem oben genannten Buch.

Die Illustrationen stammen aus der russischen Originalausgabe des Buches Каллистяне – Детгиз, 1960 und sind Grafiken des Malers Л.Я.Рубинштейн.

Die Informationen und Illustrationen der russischen Originalausgabe stammen von ПУБЛИЧНАЯ БИБЛИОТЕКА.

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